Westfalen Blatt
Norma Langohr




Blicke und Gesten reichten

Erst nach sieben Zugaben entließen die Bielefelder Herman van Veen


29 sept 1984

Die Oetkerhalle kochte, die Trennung zwischen Bühne da und Zuschauerraum hier war aufgehoben, die sonst steife Atmosphäre durch feste Bestuhlung und Architekttur der Halle kam nicht hoch. Herman van Veen brachte dies bei seinem dritten Signale-Konzert in der Leinenstadt fertig. Von Anfang an hatte er das Publikum im Griff, konnte mit ihm spielen und es auch verhöhnen, Wobei er gleichzeitig sich selbst und alle, die auf der Bühne stehen und auf Applaus angewiesen sind, verhöhnte.


Mal Poet, mal Clown, mal Protestsänger,mal Pantomime - Herman van Veen zeigte wieder seine vielen Gesichter und Talente und das Publikkum verstand ihn. Seine Betroffenheit über Arbeitslosigkeit und die Verzweiflung der Menschen über die Ängste vor einem Krieg und den Ost-West-Konflikt, über verlorene Liebe zwischen den Menschen und gegenseitiges Mißtrauen war auch ihre Betroffenheit. Er brauchte manche Dinge nicht einmal auszusprechen, ein Blick, eine Geste reichten. Es kam seinem Lied über Edith Piaf sehr nahe »Ich verstand es nicht, ich fühlte es«. Außerdem einfühlsame Musik, exzellent arrangiert von Herman van Veen en Erik van der Wurff der auch die Keyboards bediente.Dazu harmonisierten Chris Lookers an der Gitarre und Cees van der Laarse am Baß bildeten auf die Buhne ein echtes Team. Gesang oder die Texte des Allroundkünstlers, wenn er mit seiner emötionsgeladehen Stimme Tabus einriß. Ein Tabu, dem er ein Lied gewidmet hat, ist der Krebs und das Lied »Warum gerade ich«. Hier war das Publikum so betroffen, daß der Beifall erst mit Verzögerung einsetzte. Auch bei seiner Darstellung eines Homosexuellen wußte ein Teil der Zuschauer nicht, wie es reagieren sollte. Doch schnell verwandelte sich Bedrücktheit in Gelächter, als der Holländer mit Schmollmund,Stöckelschuhen und Ohrring von nur einem Luftballon sang. Die Anspielung, war eindeutig.

Erst nach sieben Zugaben, die letzte schon in Bademantel und Gummischlappen, ließ das Publikum ihren Herman gehen. Und während man den Musikern ihren Wunsch nach Feierabend schon anmerkte, blieb er geduldig und ließ sich immer wieder die deutschen Texte älterer Lieder bringen. Er schummelte lediglich eine Abschiedszeile in die letzte Strophe ein, die mit einem johlenden »Nein« beantwortet wurde.

Letzter Kommentar nach mehr als dreistündigem Konzert:
»So werde ich nie 90«.



Norma Langohr /