Hannoversche Allgemeine Zeitung
Michael Kück

Unsere triste kleine Welt

Herman van Veen gastierte im Kuppelsaal

25 okt 1979

Zum Auftakt haut Hollands bekanntester Harlekin kräftig auf die Pauke. Herman van Veen, diesmal leider im Kuppelsaal zu Gast, einem Krematorium, wie er gegen Schluß ironisch kommentiert, kommt in vertrauter Manier aus der Tiefe des Saals, einem Gaukler gleichend, der mit satten Paukenschlägen sein Publikum zum großen Tingeltangel begrüßt. Ein sehr effektvoller Beginn also.

Aber die Spannung verfluchtet sich bald wieder. Ganz so elegant wie hoch vor zwei Jahren hangelt sich der begabte Entertainer an diesem Abend nicht durchs Programm. Stagnation schimmert durch. Mit dem ersten Lied knüpft er scheinbar mühelos die Verbindung zum Vergangenen: Klitschnasse Clowns irrlichtem durch eines seiner schönsten Lieder, eines, das noch in den Fingerspitzen kribbelt.

Die Lieder von der aktuellen LP und das für diese ausgedehnte Europatoumee zusammengestellte Programm fallen jedoch merklich gegenüber dem ab, was Herman van Veen bislang so überzeugend geboten hat. Sein Handwerk, das ist unbestritten, versteht er nahezu perfekt. Rollentausch mit fliegendem Wechsel: Mal Sänger, mal Geschichtenerzähler, mal Clown, mal Satiriker, stellt dieser Mann seine Qualitäten als Entertainer eindrucksvoll unter Beweis, betrachtet den Bühnenrand nur als eine vage Markierungslinie, die seinen Aktionsradios nicht einschränkt.

So weit, so gut, so imponierend und so unterhaltsam auch. Daß allerdings der thematische Rahmen nach wie vor eng gesteckt bleibt, rächt sich allmählich. Im Grunde hat der Sänger wenig Neues zu erzählen. Wie gehabt: Da geht es um die Einsamkeit, die Gleichgültigkeit, Heuchelei, um Träume, die unmerklich verblassen, um die Schwierigkeiten, in dieser Gesellschaft miteinander zu sprechen und miteinander zu leben. Was unter dem Strich doch recht allgemein und unverbindlich klingt. Variationen in Moll.

Unsere triste kleine Welt. Eine Biedermeieridylle mit umgekehrten Vorzeichen wird beharrlich ausgepinselt. Als ob die Zeit stehen bleibt, starrt hier jemand auf einen Ausschnitt der Wirklichkeit, ein Seelengefängnis, aus dem es anscheinend kein Entrinnen gibt.
Wirklich nicht? Ein bißchen mehr Mumm und mehr Optimismus zum Beispiel wären nicht schlecht, machen möglicherweise auch gegenüber Stimmungsbildern immun, die sich auf die Dauer verbrauchen. Selbst zärtliche Gefühle welken.

Der Vergleich mit einem Konstantin Wecker etwa mag in sehr vielen Punkten hinken, doch im Gegensatz zu Herman van Veen reagiert der Münchner Liedermacher zum Beispiel auf gesellschaftliche Veränderungen. Herman van Veen dagegen zeigt in dieser Hinsicht eher schwach entwickelte Reflexe. Jene Sensibilität, mit der er die Risse im Gebälk des alltäglichen Zusammenlebens registriert, findet ihre Schranken, wo das Leben seine Sprünge zeigt, wo man aber auch in irgendeiner Weise Flagge zeigen muß.

Der Holländer steht heute wohl an einem Wendepunkt. Und das verunsichert natürlich. Und macht zum Teil sicher hilflos. Die paar obszön angehauchten Attitüden sprechen für sich: Das Kostüm, das einem Chaotiker wie Jango Edwards etwa wie auf den Leib geschneidert ist, schlottert ihm ziemlich kläglich um den Leib.
So etwas paßt nun überhaupt nicht.

Vielleicht waren die zwei Jahre Pause zu kurz.



Michael Kück