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Rhein-Neckar-Zeitung
M.B.

Ein nachdenklicher Clown

Herman van Veen im Mannheimer Rosengarten

23 nov 1981

Mittwoch-Abend, kurz vor 20 Uhr. Die letzten Besucher des Rosengartens werden gebeten, ihre Plätze einzunehmen, das matte Licht im Saal ist noch an, und auf der Bühne sitzt einsam ein Trommler. Das Licht geht aus, die Scheinwerfer an, Musiker kommen auf die Bühne und beginnen zu spielen. Plötzlich taucht Herman van Veen mitten im Saal auf und läuft konfettiwerfend durch die Gänge in Richtung Bühne. Das ist keine Show, kein billiger Trick, Nähe zu erzeugen, sondern Ausdruck eines Empfindens: Herman van Veen will einer von denen sein, für die er singt.


Er ist ein Clown, ein Harlekin, der sich seine Nachdenklichkeit erhalten hat. Er erzählt von sich, von Gott und Jesus, Politikern und Generälen, seiner Tante und von Kindern. Es sind Geschichten und Märchen, Lieder und Texte aus dem Alltag. Herman van Veen hat Angst, und er redet darüber, , nicht um zu gefallen, sondern weil ihm das hilft.
Seine verrückte Phantasie, liebevoll dargestellt, lebt gegen das vordergründige Verstehen. Doch seine Mehrdeutigkeiten legen zum Nachdenken an statt aufzuregen, bieten Ideen und Gefühle an statt anzugreifen.

Trotzdem ist van Veen nicht der Komiker vom Dienst, der immer einen unverbind lichen Witz, eine lächerliche Geste bereithält, über die man lachen soll. Da sind Politiker und Generäle, vor denen er berechtigterweise Angst hat: da sind die Ärzte, die gegen alles irgendein kleines rundes oder ovales Patentrezept haben und, wenn das nicht hilft, auch noch andere Mittel kennen; und da sind die Gedankenlosen, die Gefühlseunuchen, die Angstmacher und -haber, Jasager und Mutlosen, gegen die er sich wendet. Nicht mit dem erhobenen Zeigefinger oder dem Tritt in den Hintern, sondern eher mit stichhaltigen Nebensätzen, Bemerkungen am Rande, Gesten.

Was Herman van Veen im fast ausverkauften Rosengarten machte, war kein Konzert und kein Theater, keine Show und kein Kabarett. Es war von allem etwas und noch viel mehr: ein gemeinsamer Abend mit dem Publikum, die schönste Bedeutung, die man dem Wort Unterhaltung abgewinnen kann: die Parodie auf den coolen Disco-Sänger, die zärtlichen Lieder, die traurigen Gefühle und die lustigen Szenen. Van Veen, der sich selbst als "Spezialist von sich selbst" bezeichnet, bietet Projektionsflächen der Phantasie. Er eistet sich Widersprüchlichkeit, keine Wahrheiten zu kennen, außer der einen: ehrlich zu sein.

Was kann man mehr erwarten, von einem Künstler?



M.B.