Die Zeit
Tom R. Schulz

Herman van Veen auf Tournee

Mit beiden Beinen fest in den Wolken.

23 mrt 1984

Musik, Theater, Entertainment und Witz, Moral, Einfachheit, Pantomime und Clownerie - Ermutigen Signale aus dem Ohrenland

Der Weltuntergang findet kurz vor der Pause statt. Er bricht mit einem donnernden Getöse über Herman van Veen herein, der sich in einen alten Kinderwagen geflüchtet hat und dort Schutz vor der Apokalypse zu finden hofft. Dann schließt sich der Vorhang, aber die dröhnende Musik geht noch weiter. Das Saallicht wird angeschaltet, langsam und etwas erschreckt regt sich vereinzelter Applaus. Was war das? Hatte man nicht kurz vorher über den holländischen Entertainer noch herzlich lachen können? Und nun läßt er plötzlich die Welt untergehen und schickt einen ins Foyer!

Die Menschen, die dort herumlaufen, sein Publikum also, träfe man wohl in jeder Fußgängerzone irgendeiner bundesdeutschen Stadt. Irgendwann hört man auf, die Ausnahmen zu zählen; es sind zu viele. Kinder, alleine oder mit ihren Eltern, junge Paare, ältere Paare, elegant gekleidete und nachlässig angezogene Leute sieht man dort stehen, ordentlich frisierte Menschen reihen sich in die Schlange vor dem Getränkestand ein und warten mit Punks und Großvätern auf eine Erfrischung.



In Hamburg und in vielen anderen Städten sind seine Konzerte meist in Windeseile ausverkauft. Die Nachfrage ist so groß, daß er Ende des Jahres noch einmal nach Deutschland kommen muß, und auch wenn hier die meisten seiner Anhänger wohnen, so beschränkt er sich doch darauf keineswegs: In Paris ist er nach einem sensationellen Erfolg gleich für zwei mehrwöchige Gastspiele verpflichtet worden, in den Benelux-Ländern liebt man den Utrechter Sänger sowieso, und nun kündigt sich auch noch die Eroberung des Broadways an: Was hat dieser Herman van Veen, daß alle Welt ihn sehen und hören will?

Ich glaube, er weiß es selber nicht, und ich glaube auch, daß ihn das gar nicht so sehr interessiert. Das Nachdenken über den eigenen Erfolg ist ja nicht besonders produktiv, und es gibt sso viele wichtigere Beschäftigungen, daß die Selbstbefragung wenig verlockt. Es reicht aus, daß es ist, wie es ist.

Und es ist eine kaum mehr beschreibbare Mischung aus Musik, Theater, Entertainment, Witz, Moral, Tiefsinn, Einfachheit, Pantomime, Tanz und Clownerie, die die Menschen scharenweise in die Konzerthäuser zu Herman van Veen treibt. Die Klammer, die alle diese verschiedenen Ausdrucksformen zusammenhält, heißt Authentizität. Alles, was Herman van Veen tut, tut er ganz; er zeigt, wie ein Mensch mit seinem Widerspruch, mit seinen auseinanderdriftenden Gedanken trotzdem eine Einheit bleiben kann. Im ersten Lied seines Konzerts mokiert er sich noch über die Untergangspriester, die aus der Zeitung erfahren, daß die gefürchtete Bombe nie fällt: „Hat das nicht schlimme Konsequenzen/Die Zukunft hatte bislang Grenzen/doch wenn man wieder planen kann/was fängt man mit der Zukunft an?“ und setzt damit eine vitale Hoffnung gegen die Raketenangst. Daß diese Sicht nicht die eines unbekümmerten Hans-Guck-in-die-Luft ist, den die Kassandrarufe der anderen bloß in seinem unbeschwerten Lebensgefühl stören, merkt das Publikum spätestens nach einer Stunde, wenn van Veen die Bombe dann eben doch fallen läßt.

Beides meint er ernst, und er ist weit davon entfernt, um eines groben Effektes willen die Zuhörer in einen Strudel der Gefühle hineinzuziehen. Das Leben ist eben so, und das will er zeigen. Van Veen ist sich der Bedrohung und des Irrsinns der nuklearen Rüstung völlig bewußt, und da er kein Politiker ist, der vor lauter zähen Bemühungen um absurde Verhandlungslösungen er ein Gegenmittel, von dessen Wirksamkeit er wenigstens intuitiv überzeugt ist: kollektive positive Energie.
Ein abstrakter Begriff von entwaffnender Einfachheit, mit dem er - von unten gesehen - elegant über die Niederungen der freudlosen Kunst des Möglichen und der normativen Kraft des Faktischen hinweggleitet. Für Herman van Veen ist das aber das Einfachste von der Welt: „Wenn alle Menschen ihre Energie kollektiv und positiv verwenden und sich dessen auch noch bewußt sind, erst dann kann man von Zivilisation sprechen. Vergiß es, wenn es nicht klappt“, sagt er mir. Das klingt eigensinnig und naiv, manche mögen es närrisch oder kindisch finden. Aber waren es nicht die Narren und die Kinder, deren Äußerungen man schon in früher Zeit Wahrheit zubilligte?

Herman van Veen hat die verspielte Weisheit und List eines Hofnarren. Der Traumtanz ist für ihn ein gutes Mittel, sich in der Wirklichkeit fortzubewegen und Phantasie die beste Antwort auf die Realität. Seine ungeheure Stärke besteht darin, daß er mit seiner Weigerung, die Dinge so zu nehmen, wie sie sind, nun nicht in das Zaubertheater für Illusionisten eskapiert, in dem Trost über das Jammertal, mit dessen Vernichtung stündlich gerechnet werden muß, gespendet wird, sondern immer wieder sich selbst und die Zuhörer daran erinnert, daß die Phantasiewelt nur der andere Pol, nicht aber die Lösung für die Wirklichkeit ist:
„Die Mystifikation muß da sein, aber man muß sie auch entmystifizieren. Man muß immer zurück auf die Realität, das bringt dann ein anderes Licht auf sie und beweist, daß die Realität eine Form von Ohnmacht, eine Form von Schwachsinn ist; aber man braucht beides: Die Realität befindet sich irgendwo in der Mitte. Es ist nicht nur die Realität, aber es ist auch nicht nur die Phantasie, mit der wir beschäftigt sind, es ist irgendwo dazwischen, und das versuche ich zu legalisieren.“

Ein Mann also, der mit beiden Beinen fest in den Wolken steht. Das sehen die Leute gern, und natürlich ist er für viele von ihnen eine Identifikationsfigur. Wer wäre nicht gern ein so amüsanter, unaufdringlicher und begabter Moralist, der sich bei aller Spiellust eine nicht vernarbende Verletzlichkeit für Dinge bewahrt hat, die wir oft gar nicht mehr spüren? Die tiefe Humanität, die van Veen neben seiner Authentizität auszeichnet, hat auch nicht den Schatten von Scheinheiligkeit, nicht den leisesten Anflug von der Almosenbarmherzigkeit, die das schlechte Gewissen anderer festtags wie eine milde Brise der Anständigkeit durchweht.
„Als ich am Broadway spielte, saßen da sieben oder acht Bettler vor dem Theater, wirklich, die saßen da, wegen Hunger oder wegen Heroin. Ich mußte da vorbei um sieben Uhr, und klar, das ging nicht, damit hatte ich Riesenschwierigkeiten, ich wollte mit den Leuten reden. Denn stell’ dir mal vor, daß ich hier in Hannover spiele, und da sitzen acht Leute, die um Geld oder Essen betteln und da auf den Stufen des Theaters schlafen. Dann läuft man doch nicht vorbei, dann denkt man, wieso ist das so, wieso sitzen die hier, was fehlt denen, sind die vom Dach gefallen, wo bin ich? Dann hatte ich in New York imitier so ein kurzes Gespräch mit den Leuten, und das hat wahnsinnig auf mich eingewirkt. Dann kamen die Leute aus der Schickeria um acht Uhr zu meinem Konzert, und da habe ich versucht, das zur Sprache zu bringen. ,Well man, that’s realityhaben die abgewunken. Das hat mich sehr verunsichert. Ich denke, wenn man an solchen Leuten vorbeigeht, geht man letzten Endes an sich selber vorbei.“

So viel Großmut sei leicht für einen, der im In-terconti in Hannover absteigt und dessen Gagen ihm auch in der von Tourneen freien Zeit ein gutes Auskommen sichern? Der mißgünstige Verdacht, hier wolle sich ein Star oder ein Anti-Star, jedenfalls ein Großverdiener im Showgeschäft, mit treuem und verlogenem Hundeblick die Goldene Mickymaus-Anstecknadel für „Täglich eine gute Tat“ verdienen, liegt nahe; aber wer Herman van Veen zuhört, merkt sofort: der war schon immer so, der kann gar nicht anders, der ist so aufrichtig, daß er gar nicht auf den Gedanken kommt, wie anders manche Leute das interpretieren.
Überhaupt, die anderen: „Immer wieder versuchen Leute, mich einzuordnen“, klagt er, „dann sage ich, entschuldigt, ich habe gesungen, das Lied hängt jetzt über dem Rasen, und es liegt an der Wolke oder an euch, etwas damit zu tun i>der auch nicht.“
Herman van Veen hat keine Hotschaft, die seine Zuhörer schwarz auf weiß mit nach Hause nehmen können. „Ob die mich mögen oder nicht mögen, darum geht es nicht. Es eht darum, Zeichen, Signale zu setzen, wie ich iese Vorstellung genannt habe. Ich verkörpere einen Gedanken, das ist es. Was jemand damit anfängt, muß jeder selber wissen. Wenn ich als Sänger versuche, das Publikum zu verändern, Herman van Veen, vergiß es!“

Das hindert ihn natürlich nicht daran, dem Publikum neben der fröhlichen Unterhaltung auch Erschütterungen zu bereiten. Im ersten Stück nach der Pause, nach dem Weltuntergang also, kommt er in der Verkleidung eines Straßenkehrers wieder und räumt den Schutt auf, den die Apokalypse hinterlassen hat. Er fegt mit dem Besen über den Bühnenboden, trägt Sachen von da nach dort und macht einen beschäftigten Eindruck. Dann sieht er plötzlich eine einsame, rote Clownsnase herumliegen, probiert sie auf, tanzt damit in vorsichtiger Ausgelassenheit und spielt nun seine Sehnsucht, ein Clown zu sein.
Wenig später sieht man ihn, wie er als Ausländer (!) verzweifelt versucht, Arbeit zu bekommen. Er preist seine vielseitigen Talente, seine Kraft und seine Gesundheit an, und doch gehen überall, wo er sich vorstellt, gleich die Lichter aus. Zum Schluß bricht er in Tränen aus, sieht einen Strick am Bühnenrand liegen und überlegt, ob er sich tatsächlich aufhängen soll.
Aber dann ist es wieder die Clownsnase, die irgendwo über einer Stuhllehne baumelt und die ihn mehr lockt als das Sterben: „Vielleicht kann ich wie Herman einfach ein bißchen Clownerien machen“, spricht er sich selber Mut zu, und so tanzt er wieder zaghaft los und läßt die Leute klatschen. Die Qualität dieser Darbietung beruht auf ihrer eigenartigen Mischung aus Studententheater und dem Engagement eines großen Unterhaltungskünstlers wie etwa Harry Belafonte für die Benachteiligten und Schwachen dieser Welt: die große, menschliche Geste, die mit einfachen Zeichen und Symbolen, mit einem Minimum an Aufwand und Requisiten gemacht wird.

Zwischen diesen halb theatralischen, halb pantomimischen Szenen singt van Veen seine Lieder, begleitet von einer exzellenten, zurückhaltenden und sensiblen Band, die seit 1967 von dem Pianisten, Komponisten und Arrangeur Erik van der Wurff geleitet wird. Herman van Veen singt so, wie wir eigentlich alle singen könnten, wenn wir unsere Stimme aus-, aber nicht verbilden ließen. Sie klingt so einfach und ungekünstelt wie die Melodien, die sie singt. Er hat sie genauso studiert wie die Violine, die er schon seit seinem neunten Lebensjahr spielt. Das ist jetzt dreißig Jahre her, und daß er nach seinem Studium nicht in ein Orchester gegangen ist, liegt an seinem Ton auf dem Instrument, den die Klassiker naserümpfend als „zu zigeunerisch“ verwarfen.

Aber van Veen wollte sowieso Theater machen, seine eigene Form von musikalischem Theater. „Ich tue alles mit den Ohren“, sagt er. „Heute nacht habe ich gedacht, was ich vielleicht tun muß, ist, ein Glas auf die Bühne zu stellen, aus dem ein merkwürdiger Dampf herauskommt und ein Klang, den ich trinke. Verstehst du? Dann bin ich der Klang“, erklärt er mir. „Und wenn die Vorstellung vorbei ist, dann ist auch das Glas leer, dann muß ich wieder den Klang trinken. Wenn ich auf die Bühne komme, dann geht alles, was ich tue, von meinen Ohren aus. Ich höre die Emotionen von Leuten!“

Am Ende seines Konzerts bietet der Bewohner des Ohrenlandes mit dem Möglichkeitssinn seinem Publikum eine verführerische und rettende Lösung an, nach der die Bombe gar nicht fallen kann: Wir müssen einfach, sagt er, so schöne Musik machen, daß die Amerikaner und die Russen vor lauter Begeisterung und Ergriffenheit die Finger von den Sprengknöpfen nehmen, zuhören oder, Utopie , das ist naiv, die Wirklichkeit ist ganz anders. Aber die Idee ist genial.besser noch, selber ein Instrument in die Hand nehmen oder singen - mit kollektiven, positiven Tönen gegen den Untergang der Welt.

Und gerade dann, wenn man überlegt, ob man ihm diese Eiapopeia-Idee nicht doch ubelnehmen sollte, weil sie einfach zu schön ist, um wahr werden zu können, sagt er: „Ich weiß, das ist eine Utopie, das ist naiv,die Wirklichkeit ist ganz anders.


Aber die Idee ist genial.



Tom R. Schulz