Cuxhavener Presse
ERIKA BRENKEN

"Ich hab ein zärtliches Gefühl"

Hermann van Veen:

Poetischer Entertainer aus Holland

18 nov 1975

Seine Lieder sind wie Tollkirschen, innen bitter. Seine Waffe ist die zerbrechliche Geige. In Holland hat Herman van Veen längst gesiegt auf seinem "Schlachtfeld", der Kleinkunstbühne. Er ist Narr und Narziß, Blödel und Poet, Clown und Weltverbesserer in einer Person.


Herman aus Utrecht spielt eine Rolle, die bei uns ausgestorben ist, in den Niederlanden aber noch quicklebendig existiert: Er ist ein Entertainer par excellence. Er könnte alles einzeln sein: Geiger oder Sänger (er hat beides studiert), Komponist oder Dichter (er schreibt und komponiert seine Lieder selbst), Pantomime, Tänzer, Schauspieler, Clown, Pianist, Erzähler, Parodist. Das alles verschmilzt in seinen Auftritten zum klassischen Entertainement. Eine Unterhaltung, die Weisheit und Belustigung in eins faßt. Auf die Frage, ob der Liedersänger van Veen politisch rechts oder links steht, kommt ein Kalauer: "Ich bin doch auch nicht nördlich oder südlich." Seine Lieder sind menschlich. Sie transportieren in ihrer Alltagspoesie mehr Protest gegen Unmenschlichkeit als viele sogenannte Protestsongs. Seih Credo hat er sich in einem seiner schönsten Lieder von der Seele geschrieben: "Ich hab'ein zärtliches Gefüh

l für den, der seinen Mund auftut, der Gesten gegenüber kühl und brüllt, wenn's ihm danach zumut. Für den, der sich zu träumen traut, der, wenn sein Traum die Wahrheit trifft, noch lachen kann - wenn auch zu laut. Für jede Frau, für jeden Mann, für jeden Menschen, wenn er nur vollkommen wehrlos lieben kann."

Die Traurigkeit, die beim Singen mitschwingt, spinnt das Publikum in eine fast sentimentale Stimmung ein. ber Spaßmacher lehrt sein Publikum den Mut zum Gefühl. Aber das ist keine Schlagersentimentalität. Veens Lieder sind nicht zum Mitsingen. Man nimmt sie zwar als "Ohrwurm" aus < der Vorstellung mit, bringt sie aber selber singend nicht wieder zustande. Der Philosoph Herman van Veen trauert dem Der Philosoph Herman van Veen trauert dem Verlust des Kindseins nach. Er liebt Kinder und möchte im Erwachsenen wieder das Kind wecken. "He, kleiner Fratz auf dem Kinderrad ..eine der schönsten gesungene Hommagen an Kinder.

Sein bekanntestes Lied in Holland ist "Ro- zegeur". In der deutschen Übersetzung heißt er "Stilles Glück, trautes Heim". Dieser Abgesang auf die Liebe ist so resignierend und bitter, daß dei Clown Herman anschließend kräftig auf die Pauke hauen muß. Auf den Schallplatten, die es inzwischen bei uns von dem Holländer gibt, fehlt ein ganz wichtiges Element seiner Bühnenshow: comic relief, das Störfeuer der Komik, das immer wieder wie ein Blitz in die Rührung fährt. Der musikalische Teufelskerl schlägt auf der Bühne aus seinem Können die letzten clownesken Funken. Er streicht die Geige mit und gegen den Strich, spielt Klavier mit dem Hinterteil, hebt sich in ironischer tänzerischer Pose zum klassischen Battement in die Luft, graziös wie ein Tanzbär.

Der Entertainer macht jetzt zum drittenmal eine Tournee durch die Bundesrepublik. Bei den ersten beiden Malen erwärmten sich besonders die Norddeutschen, speziell die Hamburger, geradezu stürmisch für ihn. Vor sieben Jahren zog der Holländer in das ehemalige Rathaus von Westbroek, einem Dorf bei Utrecht, ein. Das Rathaus wurde umfunktioniert zu einer Art "factory", einem künstlerischen Produktionszentrum. In dem alten Gebäude, dem Sitz von "Harlekijn Holland", wie van Veen seine Kunstfabrik getauft hat, arbeiten etwa 40 Musiker, Maler, Schauspieler und Pantomimen. Hier entstehen die Bühnenshows. Hier werden aber auch junge Talente gefördert.

Herman ist ein Idealist. "Ich hab'ein zärtliches Gefühl, für den, der sich zu träumen traut..."

Er traut sich und lehrt das Träumen.



ERIKA BRENKEN