Ettenheimer Heimatbote
DALAND SEGLER

Clown mit Bügelfalten

Herman van Veen trat in der Freiburger Stadthalle auf

16 apr 1984

Signale" nennt Herman van Veen seine Tour 1984. Und die Zeichen, die er setzt, füllen die Bühne der Freiburger Stadthalle: Kinderwagen, Stoffpuppe, ausgestopfte Gans, Plüschhund, Ping-Pong-Ball und schließlich der riesige weiße Luftballon, der, vor dem schwarzen Hintergrund schwebend, mal als blau-kalter Mond, mal als glutrote Sonne leuchtet.


Ein Spielzeugland, mit dem sich der 39jährige holländische Harlekin, Sänger, Pantomime und Alleinunterhalter umgibt Eine Kinderwelt in die ihm das Publikum willig folgt:
Schlipsträger wie Wollgewandete, graue Schöpfe wie New-Wave-Köpfe. Sie alle zollen dem kahlen Clown von Anfang an stürmisch Beifall, noch der kleinste Gag wird vom Applaus begleitet schließlich ein halbes Dutzend Zugaben erklatscht .

„Du hast es, wie man sagt, geschafft“, heißt eine Zeile in einem der Chansons, die Herman van Veen mit voller Stimme, dabei manchmal an Jacques Brei erinnernd, vorträgt Doch anders als sein Vorbild Brei mit dessen Pathos hat der Holländer sich sein Publikum mit einem eigentlich uralten Zauber erobert Er hat seine Nachdenklichkeit ins Spaßmacherkostüm gekleidet seinem (und unserem) Emst die rote Pappnase aufgesetzt Ganz in Weiß, ein Clown in Bügelfalten, besingt tanzt und spielt er Arbeitslosigkeit, Justiz und den Weltuntergang - ebenso wie dessen Ausbleiben:
„Die Zukunft hatte bislang Grenzen, doch wenn man wieder planen kann, was fängt man mit der Zukunft an?", fragt er listig. Dann nimmt er das zynische Wort vom „Nuklearen Theater“ wörtlich und inszeniert es, sucht Rettung im Kinderwagen und steht als Spaßmacher wieder auf. Nimmt er ernst was er tut? Er imitiert Woody Allen wie Karl Valentin, frozzelt über Nena, mit der er sich doch trifft: indem er den allgemeinen Wunsch, die öffentliche Sehnsucht nach neuer Unschuld ausdrückt Ob 99 oder nur ein Luftballon - sie schweben allemal bunt und völlig losgelöst über unserem Alltag.

Augenzwinkernd und effektvoll erzählt er von seinem Plan zur Rettung der Welt: Wenn wir einfach wunderschöne Musik machten, dann vergäßen Amerikaner und Sowjets die Raketen: „Naiv,aber genial" nennt er selbst diese Lösung, die auch die Erklärung für seinen Erfolg abgeben kann. Er gestattet sich das Kind im Manne - und weiß doch singend von Folter und Todesschwadronen.
So nimmt er im Schlußbild den großen weißen Luftballon als leichte Welt wie der sagenhafte Atlas auf die Schulter.

Oder vielleicht doch eher -zum Trost des Publikums - für ein paar Stunden die Welt auf die leichte Schulter?



DALAND SEGLER