WESTFALENPOST
Hubertus Heiser

Philosophierender Poet und ulkiger Blödelbarde

Herman van Veen startet Deutschiandtournee in Hagen

12 Maerz 1992

Hagen. Der Troubadour des Humors ist wieder auf Tournee: Herman van Veen. In 150 Konzerten und 60Städten darf ein Millionenpublikum einen Entertainer erwarten, der in zweieinhalb wandlungsreichen Unterhaltungsstunden im teils mystisch illuminierten Schwarz seiner Bühne bisweilen die schwärzesten Gedanken hat - wenn ihn nicht die Lust an deftiger Clownerie packt.


Gestern und vorgestern war Tournee-Start mit Doppelkonzert in Hagen. Knapp 3300 erwartungsvolle Kartenbesitzer überfüllten die Stadthalle.
Euphorisch war der Auftakt nicht, wohl aber von reichem Beifall gesegnet, der für drei massige Zugaben gut war. Abgesehen von „urologischen Ausrutschern“ und häufig zu flachem Witz, der die nahtlose Nummernfolge vor lächelndem Parkett überbrückte, singt, tanzt der agile Holländer mit Ensemble alles, was die Sinne reizt - vom Paradiesischen eines Deutschland bis zur Verklärung ins Jenseits.

Das beginnt im Frack mit Geige und endet mit nacktem Van-Veen-Po. Dazwischen haucht er seinen beliebten Schmuse-Sound mit „zärtlichem Gefühl“ ins Mikrophon. Oder griffiger Slow Rock donnert aus 28 phongewaltigen Lautsprechern, wenn brennende Themen der Wende-Zeit aufflammen („In jedem von uns steckt ein Stasi“).

Mit seiner Wechselmentalität zwischen herzerfrischendem Blödelbarde und vogelfrei philosophierendem Poet erwischt der 45jährige jede Nische verschlungenen Denkens, um vorurteilsfrei sein Rückgrat zu strecken.

Dann wird entweder kunstvoll mit Konfetti aus dem Zylinder gezaubert („Du weißt nicht, was du siehst. - weil du nicht siehst, was du weißt“) oder pantomimisch imitiert.
Und wenn dann Körper-Imitator van Veen ein hart gekochtes Ei über die Rampe brütet oder zur berstenden Kreditkarte wird, bricht helle Freude aus. Denn - so die janrzennte-Philosophie des Ulk-Maestros - Humor gehört zum Überleben.

Was sich gegenüber früheren Tourneen verändert hat, ist des Allround-Künstlers zu häufig platter Griff unter die Gürtellinie mit Intimplaudereien dicht an der Niveau-grenze. Doch aufgelängen werden die Abgieitungen zwischen Kinn und Knie, dann wieder durch griffige Aktualitätsthemen - von der Elfenbein-Jagd bis zum Regenwald, wobei sein brasilia-nisches Vogelgezwitscher... auf fallenden Bäumen zu den stärksten Nummern überhaupt zählt.



Hubertus Heiser