Dithmarscher Landes Zeitung

HERMANN VAN VEEN:
Bis hierher und weiter

7. Dezember 1988

„Einer der bedeutendsten Künstler der Gegenwart ist wieder auf Tournee", kommentierte Heinz Rudolf Kunze den Tour-Start seines Freundes. Hermann Van Veen ist wieder da, mit „Bis hierher und weiter". Ganz der alte - und doch, live erlebt, für Überraschungen immer noch gut. Die Tournee dauert bis Mai 89.


Auch mit Mitte 40 brennt er noch immer

Van Veen einzuordnen ist gar nicht so leicht. Schwer tut sich da auch Kunze. Der aber findet wenigstens noch Bilder, die allen Van-Veen-Fans runtergehen wie Butter: „Viele werden müde geboren, der größte Teil der übrigen wird spätestens Mitte zwanzig lahm, lau und traurig, wenn die ersten Hoffnungsschiffe sinken." Der Holländer, so meint Kunze, brenne dagegen. Leuchte. Sende. Tobe. Und das im Alter von Mitte 40.

Sein Programm ist immer für Überraschungen gut

Was die Einordnung Van Veens so schwierig macht, sind weniger seine Texte. Eher ist es seine Verwandlungsfähigkeit. Auch jetzt fasziniert er auf der Bühne durch seine clowne-rischen Einlagen und unerwarteten Stimmungswechsel. Sein Programm ist immer für Überraschungen gut. Van Veen trifft die Auswahl jedesmal aufs Neue. Aus: „Das tut gut", „Wie ein Tanz", „Die Trommeln", „Die Hand", „Hemdchen", „Die Mütze meines Vaters" - je nachdem eben.

Seit zwanzig Jahren träumt er von einer besseren Welt

Wie im Leben, so auch auf der Bühne - es gibt fast nichts, was Van Veen nicht macht, nicht ausprobiert. Daher tut sich auch die Kritik, außer daß sie des Lobes voll ist, schwer. Wem soll es auch gelten? Dem Clown? Dem Sänger? Dem Tänzer? Dem Kabarettisten?
Seit nunmehr fast zwanzig Jahren singt der schlaksige Niederländer den Traum von einer besseren Welt. Sozialisation ist in seinem Fall sicherlich mit ein Grund, warum er subtile Zeitkritik betreibt. Sein Vater war im Krieg im Widerstand. Der hat damals Phosphor über seine Hände gegossen, damit er nicht zum Arbeitsdienst mußte und in den Niederlanden bleiben konnte.

Dem zwölfjährigen Hermann sagte der Vater: „Ich hoffe, daß Du, genauso wie ich, niemals lernen mußt, wie man einen Menschen tötet."

Er weigert sich Abschied von der Kindheit zu nehmen

Mein Vater war ein Sozialist der alten Schule, bemerkte Van Veen später im Rückblick. „Er hat, genauso wie ich, von einem Leben mit der Familie und den Kindern in einer friedlichen Welt geträumt."
Wenngleich es ein Traum sein mag, Van Veen beharrt darauf, daß der Mensch trotz aller selbstgemachter Katastrophen eines Tages den Weg zur Idylle findet. Kinder helfen ihm dabei. Kaum eines der Alben von ihm, bei dem sie keine Rolle spielen. Bezeichnenderweise, denn Kinder sehen klarer. Für seine Fans ist es gut, daß Van Veen von seiner eigenen Kindheit keinen Abschied nehmen zu können scheint.

„Manchen, klingt es auch noch so pathetisch, richtet er auf", urteilt Freund Kunze. Manchen bespreche und besinge er so geduldig, daß nicht alle sich vor ihrer Zeit in den Schnee legen, um endgültig einzuschlafen.