Frankfurter Allgemeine Magazin
Wolfgang Sandner



Herman van Veen

3 aug 1984

Verzweifelt klettert er die steile Felswand empor, unter sich den gähnenden Abgrund. Plötzlich taucht vor ihm ein gräßliches Untier auf. Kein Weg führt zurück, kein Ausweg zeigt sich. In seiner Not schreit er das I Monstrum an: Was soll ich tun? iDas Ungeheuer erwidert kühl: Das mußt du dich fragen, es ist dein Traum! Herman van Veen erzählt die Geschichte, während er in einem japanischen Restaurant im Hamburg sitzt. Ein freundliches Lokal. Den unsichtbaren Lautsprechern entströmen Klänge, wie sie Puccini zu betörenden Arien für Cio-Cio-San verwendet haben könnte. Das Essen wird am Tisch zubereitet. Der Kellner jongliert riskant mit seinen Messern, bevor er das Gemüse tranchiert. Herman van Veen beobachtet es lächelnd. Vielleicht denkt er an einen Sketch, der zu seinem Bühnenprogramm gehört. Er tritt da als Jünger irgendeiner Budo-Sportart auf, will den dunklen Gürtel über dem weißen Gewand enger ziehen und verknotet sich so hoffnungslos darin, daß es zum Kampf - mit wem auch immer - gar nicht erst kommen kann. Mit dem aufgeregten Wortschwall von virtuosem Pseudojapanisch begleitet er die chaotische Demonstration dieser wahrhaft perfekten Selbstverteidigung.


Herman van Veen liebt solche Geschichten: Träume, aus denen man sich nicht herausreden kann, und Wirklichkeiten, die er in einem heilvollen Durcheinander poetisiert. Immer sind es Geschichten, die mit ihm zu tun haben, mit seiner Existenz. Herman van Veen schüttelt sein Leben, und es fallen lose Reime herab:

„Alles, was ich weiß, weiß ich von einem andern
und alles, was ich laß, laß ich für einen andern
alles, was ich hab, ist ein Name nur
den hab ich von einem andern.
Alles, was ich sag, sag ich einem andern
und alles, was ich geb, geb ich einem andern
alles, was ich hab, ist ein Name nur
den hab ich von einem andern.
Die Hand, die ich geb, geb ich einem andern
und die Tränen, die ich laß
wein ich um einen andern
den Sinn, den ich hab, hab ich in einem andern
und die Liebe, die ich fühl, ist für einen andern.
Nur meine Gänsehaut ist von mir selbst.“

Als der versoffene, göttliche walisische Dichter Dylan Thomas zum ersten Mal in Amerika auftrat, war der sogenannten Geschlagenen Generation für ihn kein Vergleich entlegen genug. Lord Byron habe den offenen Kragen eingeführt, Walt Whitman die offene Straße und dieser neue Prophet die offene Hose. Warum nicht Herman aus Holland mit Lord Byron, Walt Whitman und Dylan Thomas vergleichen? Hermann van Veen hat die offenen Gefühle eingeführt: die vielen kleine Gefühle, die zusammen ein großes Gefühl ergeben. Gefühle wohlgemerkt, keine Feelings.
Viele kleine Gefühle. Ob er Sozialist ist? „Ich bin überhaupt kein ...ist.“ Manches scheidet da aus: Humorist, Kabarettist, Idealist, Artist, Drogist, Polizist. Der Musiker bleibt. Herman van Veen, fast vierzig Jahre alt, lebt in einem kleinen Ort in der Nähe von Utrecht. Dort steht sein Kessel, dort braut er sich zusammen. Er kann es, weil es da alles gibt: sämtliche Konfessionen, Professionen, Passionen. Holland ist ein tolerantes Fleckchen Erde. Das letzte, was Herman van Veen sein könnte, wäre Platzanweiser.

Zweiundzwanzig Jahre hat er gelebt wie es sich gehört, im Utrechter Vogelviertel, gegenüber dem Studentenwohnheim und direkt unterhalb der Gasfabrik. „Niemand bei uns zu Hause, nicht von Vaters und nicht von Mutters Seite, beschäftigte sich mit Musik, Theater oder Tanz. Sie waren alle Kaufleute, Arbeiter, Marktleute und Hausfrauen. Die Frauen so, wie man sie sich vorstellt, Arme verschränkt, Schürze um, wartend vor dem Haus bis du aus der Schule kommst, Täßchen Tee, Zwieback, jeden Tag saubere Unterwäsche, einmal in der Woche in den Waschzuber auf der Spüle.

Es ist eigentlich seltsam, der einzige, der bei uns in der Familie etwas Kunstsinniges machte, war mein Opa mütterlicherseits. Er war Billardspieler und spezialisiert auf Kunststöße."

Den familiären Mangel gleicht Herman van Veen jetzt aus: als künstlerischer Allesmacher. Zum Alleskönner fehlt ihm vor allem Realitätssinn. Wie soll man erwachen, wenn man immer nur gelernt hat zu träumen: auch so eine biographische Melodie. Herman van Veen ist ein Tagträumer, der Sonnenstrahlen und bunte Wiesenfarben sammelt für unsere kalten, grauen Winterabende. Auf welche Art er das macht, darüber gibt sein Tagebuch Auskunft, das er einen Spaltbreit öffnet, so daß man seinen Fuß dazwischenklemmen kann: „Ein Lied entsteht auf dem Boden einer Kaffeetasse, wenn man den eingetrockneten Zucker nicht abkriegt und ein Alibi sucht, ihn auf dem Tassenboden zu lassen; mal schnell weg, um ein Lied zu machen, in der Hoffnung, daß jemand anders das Täßchen inzwischen abwäscht, man ist ja schließlich mit Kunst beschäftigt.“

Seine bessere Hälfte Marlous, die ihn seit zwölf Jahren komplettiert, kann sich offenbar ganz gut wehren, wenn man Hermans dichten Dialogen trauen darf. Er: „Blumen sind von ganz alleine schön, ohne daß man darum bittet, ohne Komplimente. Das kann ich von dir nicht immer sagen.“ Sie: „Wäschst du dann eben ab? Dann bin ich schön.“ Er: „Du kannst manchmal so unerwartet geistreich sein, blöde Kuh.“ Langeweile wird es kaum geben bei den van Veens, mit dem emanzipierten Herman, seiner Frau Marlous, die wie ein schöner Resonanzkörper seine Töne verstärkt zurückwirft, und den vier Kindern. Auch deshalb nicht, weil das Verweilen im Repertoire von Herman nicht vorgesehen ist.

Erik van der Wurff, sein Pianist und Freund, kennt ihn schon seit der gemeinsamen Studienzeit am Konservatorium in Utrecht Anfang der sechziger Jahre. Lange genug, um zu wissen, daß Herman van Veen weniger an den Obertönen klassischer Musik als an den Untertönen der Kleinkunst, dem verrauschten Tenorsaxophon Benny Golsons und der Volksmusik vom Balkan, den vitalen Chansons von Jacques Brei und dem Ketzertonfall von Jean Fer-rat interessiert war. Dennoch erwarb Herman neben dem Geigen- und Gesangstudium auch noch ein Lehrerdiplom: - sein Fallschirm , den er nie öffnen mußte. Nein, eine Doktorarbeit über Johann Pachelbel oder Heinrich Schütz wollte er nicht schreiben. Sein Studium ernster Musik beschloß er folgerichtig 1977 mit seinem Harlekijn-Lied, zehn Jahre nach dem eigentlichen Examen. Vor dem Streicherhintergrund eines Stückes von Antonio Caldara, dem italienischen Zeitgenossen Johann Sebastian Bachs, intonierte er seinen leichtzüngigen Abgesang auf die Musikgeschichte: floebelegab stobelegab flop flop flee/ floebelebabba stobelegabba stikke dikke/ drop drop stabba/ gabba hobelegabba stobelegabba flibelegabba stikke/ dikke hop stop snee. Tausend Jahre Musikhistorie in zwei Nonsens-Minuten gepreßt: Wer den Aphorismus wagt, muß tief durchatmen.

Herman van Veens Lieder sind keine Galanteriewaren. Es sind Anmerkungen zum Alltag. Musik für August, den Dummen, nicht für Ludwig, den Zweiten. Vermutlich hat den neugierigen, den sprungbereiten, den lebendigen Herman van Veen die leichte Muse deshalb so angezogen, weil ihr die anachronistische Aufteilung in Kunst und Leben oder Kunst und Wirklichkeit, diese - Martin Walser hat das formuliert - aus Idealismusland stammende Konvention, weniger ins Handwerk pfuscht als der ernsten Musik.

In der lichtdurchfluteten Sprache des Holländers Herman van Veen nimmt sich das ganz prall aus: „Die meisten Züge fahren an der Rückseite des Lebens entlang. Man sieht einen Schuppen, dagegen lehnt ein Fahrrad. Eine Küchentür, die ein Stückchen aufgeht. Das Leben geht hinter den Häusern entlang. Nicht vorne, da läuft die Macht. Hinter den Häusern, wo die Wäsche hängt, da spielt sich alles ab. Auch für den Künstler. Ich lebe bei mir zu Hause in der Küche, da gehen die Menschen ein und aus, da wird Kaffee gekocht.“

Auf der Bühne versucht Herman van Veen sein ideales Leben nachzustellen. Er hängt Wäsche auf eine Leine, schiebt - die Mutter Courage des holländischen Chansons - einen Kinderwagen resolut über die ächzenden Bretter. Er wartet auf einem namenlosen Bahnsteig, den Kassettenrecorder auf Bahnhofslautstärke gedreht, mit einem Hochzeitsbukett in der Hand. Ein Mann erscheint Reis auf ihn, Reis auf Herman die beiden tragen sich weg. Hopp la, da stimmt doch etwas nicht Wie dem auch sei, Hinterhof Treppenhaus, da, wo sich alles ab spielt.

Müßte man den Charakter von Herman van Veen auf einen einzigen Begriff bringen, es käme vermutlich nur das Wort „unbefangen“ in Frage. Ohne Vorbehalte nähert er sich einem neuen Instrument wie einer ungewohntei menschlichen Situation. Er spielt Saxophon, das er noch nicht gelernt hat, und er versucht, Schwule zu verstehen, die ihn nichts angehen. „Er sucht immerzu nach etwas anderem als dem, dessen er sich im Moment gerade sicher ist. Und deswegen wird er immer wie der für verrückt erklärt", sagt seit Freund Erik, während Herman gerade an einem Seil - ein Puppenbaby auf dem Rücken - einet Bühnenberg besteigt, der nur in seiner Phantasie existiert.

Wenn man in seine Konzert geht, seine Schallplatten auflegt, eines seiner Kinderbücher zu Hand nimmt oder eine seine Fernsehsendungen ansieht, immr läßt man sich auf ein Abenteuer ein.
Bei Herman van Veen komm Kunst nicht von Können, sondern von Wagen. Geige spielt er wie ein Zigeuner, singen kann er alles: Arien, sanfte Liebeslieder, knorrige Songs, rostige Leierkastenmelodien, die in den Scharnierer knirschen. Er tanzt auch. Nicht wie Nurejew, aber wie Gene Kelly: mit einem Fuß auf dem Trottoir, mit einem im Rinnstein.
O man das alles zu hören und zu sehen bekommt, wenn man sich an ihn einläßt, steht nicht fest. Vielleicht wird er ein wunderschöne Lied auf Edith Piaf singen und dabei mit ihrem Kleid über dit Bühne wirbeln. Vielleicht sitzt er auch nur da, wirft von Zeit zu Zeit einen Tischtennisball in die Luf und hört im übrigen zu, wie seine Haare ausfallen.

Man könnte ihn fragen, was das alles soll. Unnötig. Kinder fragt man nicht, Kinder dürfen selbs Fragen stellen. Auf einem Titelbild der von Herman van Veer mitherausgegebenen Zeitschrifi Harlekijn sieht man ein buntes Foto. Ein altmodischer Kinderwagen, an dem zahllose Luftballons flattern, steht allein irgendwo im Wattenmeer. Man sieht kein Kinderbein herausschauen.

Aber jede Wette: da liegt er drin.



Wolfgang Sandner