Schleswicher Nachrichten
Stephan Richter

Zwei Tage lang zu Gast in Flensburg: Herman van Veen vor seinem Doppelauftritt im Deutschen Haus.

Ein Harlekin kommt nicht von oben

3 apr 1984

Herman van Veen in Flensburg: Perfektionismus aus der Tiefe
Herman van Veen — man kennt das von seinen Tourneen — ist keiner, der dem Publikum von oben herab kommt. Auch diesmal nicht, bei seiner neuen Show in Flensburg: da stolziert der Harlekin mit seiner Geige durch die Zuschauerreihen und setzt Töne in die Welt, die das Deutsche Haus für beinahe drei Stunden verzaubern. Ist’s Hermans Geige, oder ist es das elektronische Echo? Traum und Wirklichkeit verschmelzen. Die Show beginnt.



Herman van Veen, das ist Perfektionismus, der aus der Tiefe kommt. Man nennt das wohl Naturtalent. So wirkt der Star auch dort noch spontan und impulsiv, wo’s einstudiert und wohl durchdacht ist. Eine herrliche musikalische Verbeugung vor der großen Edith Piaf zum Beispiel endet mit einem vermeintlich schmerzhaften Sturz über einen Koffer, in dem ein schwarzes Kleid verschwindet. Es darf gelacht werden.

Und der Mensch van Veen, der bei den Liedern der Piaf immer eine Gänsehaut kriegte, ist wieder entschlüpft in die Rolle des Harlekins. „Wer hat den Ernst in dein Gesicht gebracht?“ fragt der Holländer in einem anderen Lied. Doch welches Auge bleibt schon trocken, wenn er dem Publikum dann den Marsch bläst? „Nichts Kla-, Kla-, Klassisches, sondern etwas fürs Volk“, verkündet van Veen. Da kommt Stimmung auf. Mit wenigen, aber gezielten pantomimischen Mitteln läßt der Star sozusagen im Vorbeimarschieren beim Publikum Dampf ab.

Hierin liegt auch die Stärke des neuen Programms „Signale“. Die leider zugunsten von Showeinlagen ein wenig in den Hintergrund gedrängten Lieder, van Veens Clownerien und Pantomimen, seine Musiken lassen immer ein befreiendes Lachen offen — und meist Nachdenkenswertes zurück.
Allerdings, noch nie war Herman van Veen so anspruchsvoll wie bei den jetzigen beiden Flensburg-Auftritten. Die Quadratur des Ping-Pong-Balles — einem beherrschenden Accessoire der Show — gelang freilich auch dem in die Rolle des Technokraten geschlüpften Harlekin nicht. Verächtlich-abwertend verkündete der Perfektionist auf der Bühne: „Das ist Kunst.“ — Die Rechtwinkligkeit eines Geldscheines beeindruckte ihn schon mehr. „Das ist Politik“, lautete hier die Erklärung. Politisch wurde van Veen unterdessen schon früher im Programm. „Die Bombe fällt nie“, diese Schlagzeile warf ihn im gleichnamigen Lied aus dem Gleis. Der „Knall“ kam dann natürlich doch, mit Atompilz, Lichtorgel und umgestürzten Kinderwagen. Und hier hatte es de: Harlekin dann schwer, so richtig für voll genommen zu werden. „Naiv zwar — aber genial“, räumte er selbst zu seinem Entspannungsvorschlag an die Weltmächte ein. CIA und KGB hörten mit... Wirklich genial war van Veen erst wieder, als er bei den Zugaben dort anknüpfte, wo er einmal begonnen hatte. „Ich hab ein zärtliches Gefühl“ und „Kleiner Fratz" sind Lieder, die die große Show nicht brauchen. Vielleicht nahm das Publikum sie auch deshalb so dankbar auf? Als guter musikalischer Geist wie immer im Hintergrund, bei Herman var. Veen: Erik van der Wurff an den Tasteninstrumenten. Als Könner ihres Fachs präsentierten sich ferner Nard Reijnders (Saxophon), Cees van der Laars (Baß). Und Chris Lookers (Gitarre).



Stephan Richter