Erkelenzer Nachrichten
Barbara Hoffmann

Gespräch mit Herman van Veen

Eine 18jähnge Aachenerin befragte

5 mei 1984

Barbara Hoffmann, 18jährige Aachenerin und Ex-Chefredakteurin der Schülerzeitung „Der springende Punkt“, die am Gymnasium St. Ursula erscheint, hat ein Gespräch mit dem holländischen All-round-Künstler Herman van Veen geführt:


Nach einigen Telefonaten mit Herman van Veen und Willem Flantua, dem Roadmanager, nach einigem Hin und Her sitze ich dann um 13 Uhr im Steigenberger Hotel in der Eingangshalle und warte, etwas nervös und gespannt, auf Herman van Veen. Pünktlich auf die Minute erscheint er. Wir setzen uns in einen Aufenthaltsraum, in dem es ruhig ist, und ich packe mein Diktiergerät aus, um das folgende Gespräch aufzunehmen. Wir sprechen über seine Lieder, sein Leben, sein Menschenbild. Daraus entwickelte er dann seine politischen Ideen. Während des Gesprächs habe ich Zeit, ihn mir genauer zu betrachten, seine Aussagen, Gesten, seinen Gesichtsausdruck zu einem Puzzlespiel zusammenzufügen.

Gleichwertige Gesprächspartner

Herman van Veen erzählt - erzählt mir von sich, sehr persönlich, sehr offen, sieht mich als eine gleichwertige Gesprächspartnerin an - trotz der zwanzig Jahre Altersunterschied. Er erzählt so, daß man einfach zuhören muß, weil man fasziniert ist von seiner Ausdruckskraft und seinen Gedankengängen. Er versteht es, komplizierte und komplexe Sachzusammenhänge zü durchschauen und auf eine verständliche und einfache, aber keineswegs naive Formel zu bringen.

So meint er zum Thema Rüstung und Entwicklungshilfe, die für ihn in einem Zusammenhang stehen: "Man muß dadurch abrüsten, indem man die Aufmerksamkeit (er benutzte den niederländischen Ausdruck "Andacht") auf die Sterbenden richtet.'Wenn wir in unserer industriellen Welt, ob es die Sowjetländer sind oder wir, wenn man die Aufmerksamkeit verschiebt Richtung Dritte, Vierte Welt und die Verantwortlichkeit nimmt für die gesamte Weltbevölkerung statt nur für uns, dann kann man die Rüstung abbauen. Wenn die Menschen wieder miteinander fühlen statt allein, dann bedeutet das, daß man sein Gewissen promoviert statt negiert. Wir gehen nicht kaputt an den Bomben, das ist absolut nicht wahr. Wir gehen kaputt, weil die Grenze der Gefühligkeit negiert wird. Das bringt uns um. Nicht die Rüstung - die Rüstung sitzt in unserem Kopf, die gibt es nicht. Natürlich, das ist das Resultat von dem, was in unserem Kopf falsch funktioniert."

Zur Entwicklungshilfe

Und dieses Bewußtsein des Nicht-mehr- miteinander-Fuhlens, die Negierung des Gewissens äußere sich dann dementsprechend im System der Entwicklungshilfe: ". .. ich frage einen Mann aus der Dritten Welt: "Darf ich Ihnen helfen?" Wenn er dann ,Ja' sagt, dann muß er bestimmen, wie ich ihm helfe. Das ist das System, das richtige System, so, wie ich es empfunden habe. (...) Sonst ist es unmöglich, sonst helfe ich mir selbst. (...) Kommunismus und Kapitalismus sind Systeme, die versuchen, Menschen in ein System hereinzudrängen, statt Menschen sich als Menschen oder Individuen entwickeln zu lassen."

Er beschreibt Zustände in Drittländern, Menschen, die dort leben, bringt gleichzeitig eine Kritik an unserer Gesellschaft und folgert eine gegenseitig^ Abhängigkeit: Und das ist, was Wir zu lernen haben: das, was die Leute in der dritten Welt haben, haben wir nicht. Alles, was die nicht haben, haben wir. Also: wir brauchen einander. Die leben nämlich miteinander, die arbeiten miteinander, die plaudern noch, die sind zusammen, weil die wahnsinnige Probleme haben. (...) Das ist eine tiefe Zivilisation, die wir nicht mehr besitzen."

Tiefe Bewunderung

Aus seiner Summe spricht hier eine tiefe Bewunderung für diese Menschen, gleichzeitig wird er lebendig, benutzt seine Arme und Hände für Gesten, um seine Worte zu unterstützen und mir klarzumachen, was er meint. Überhaupt habe ich den Eindruck, daß Hermann von Veen ein Mensch ist, der verstanden sein will. Oft erkundigt er sich, ob ich ihn verstanden habe, manchmal schaut er mich fragend an, so als ob er aus mei- nem Gesichtsausdruck ablesen wollte, ob und wie das Gesagte ankommt.

Er ist ein Mensch, der, wie man meint, ständig wechselt. Mal sitzt er da, ein Bein locker über das andere gelegt, die Arme auf die Sessellehne gestützt, tief in Gedanken versunken, nach den richtigen Worten suchend, damit sie auch genau das ausdrük- ken, was er denkt - mal kommt der Harlekin in ihm heraus, er wird lebhaft, fuchtelt mit den Armen in der Luft herum, packt sich an den Kopf und rutscht auf dem Sessel herum.

Immer Veränderungen

Er wehrt sich dagegen, geistig stillzustehen, es muß in ihm wachsen: "Man kann auch nicht weiterkommen, wenn... - wenn etwas nicht wächst, verstehst Du? Wenn etwas keine Chance hat..." Und trotzdem meint er: Ich hab mich für mein Gefühl nie geändert, mein ganzes Leben nicht, hm, ja,... mehr gelernt, ... mehr erfahren. (...) Aber, ich hab' mich immer wahnsinnig verändert ... nicht echt verändert, aber andere Akzente gesetzt." Nachdenkliches Schweigen.

Und Erfahrungen prägen das Leben, den Menschen, man weiß dann etwas, doch das Wissen hat sich für ihn als etwas in gewissem Sinne Unwahres herausgestellt, denn: "... das, was man weiß, ist das, was man gelernt hat, und das, was man gelernt hat, hat man von jemandem gelernt, und das sind nicht deine eigenen Erfahrungen, weil das die Schule war, das waren die Eltern, alles prima, aber man ist dann eigentlich ein Computer, der programmiert ist durch allerlei Menschen.“

Doch macht er den Eindruck, als ob er das, was er durch verarbeitete Erfahrungen an Einsichten gewinnt, lebt, daß er ganz dahintersteht und diese Einsichten bis ins Ltzte durchdacht und hiterfragt hat.

Politische Lieder Eine der Einsichten ist auch die Antwort auf meine Frage, wieso er jetzt mehr politische Lieder singt. Hierzu meinte er: „Heute habe ich wirklich das Gefühl, eigentlich meine persönlichen Probleme loszuwerden, daß ich denke, meine Eltern haben dafür gesorgt, daß ich 39 Jahre alt geworden bin, die eigentlich phantastisch waren. Und ich habe einfach die Verantwortung meinen Kindern gegenüber, daß die auch vierzig werden - ich tu das mehr aus Verantwortlichkeit heraus. Solange ich noch etwas unternehmen kann, muß ich das doch tun! (...) Und jetzt geht es nicht mehr um mich, aber es geht um ein Ziel, das ich erreichen will. (...) Wir haben eine Welt aufgebaut, in der wir uns manche Fehler einfach nicht mehr leisten können. Und dafür muß man immer wach sein, Signale geben, sagen: .Hallo, paß auf.’“

Und dies ist, wie ich den Eindruck habe, der Sinn, den Herman van Veen in seinem Singen sieht, obwohl er sich manchmal ohnmächtig fühlt. Doch er geht von einem sehr positiven Menschenbild aus, „Im Prinzip ist der Mensch tief gut. Aber er ist durch Umstände und Gott weiß was, oder Geschichte hat den Menschen so verändert, daß er gedacht hat, er ist mehr, wenn er 23 Tische hat. Aber wenn man stirbt, kann man keine Tische mitnehmen, verstehst Du? Man kann auch kein Bankkonto mitnehmen. Das haben die noch immer nicht kapiert.“

Viele Gesichter

Herman van Veen - ein Mensch, der eine Ruhe, Ausgeglichenheit und Wärme ausstrahlt, obwohl man merkt, daß es ihn ihm arbeitet, daß er voller Pläne und vielleicht unbeantworteter Fragen steckt und er nach Lösungen sucht, etwas an sich und den herrschenden Zuständen zu ändern.

Herman van Veen - ein Mensch, bei dem man zunächst den Eindruck gewinnt, daß der Clown, der Harlekin, im Widerspruch steht zu seiner Nachdenklichkeit, seiner Melancholie, seiner Sensitivität und Sensibilität, was aber bei näherem Hinsehen zusammenpaßt, sich ergänzt.

„Es gibt nichts Schöneres, als Menschen zum Lachen zu bringen mit Sachen, die zum Heulen sind. Das Allerschlimmste, oder besser, das Allerschwierigste ist dann, daß man selbst heult.“ „Bei allem sehe ich immer zwei Seiten, die Lächerlichkeit und den absoluten Ernst.“

Wiedererkennen

Herman van Veen - ein Mensch, der Mensch geblieben ist, der versucht, er selbst zu sein, der nicht in der Hektik und dem Streß seines Berufes untergehen will, sondern der sich einen persönlichen Freiraum zu erhalten sucht. Einer, der sich nicht selbst glorifiziert, sondern die Täler und Abgründe, soweit sie ihm bekannt sind, zugibt, einer, der Dinge so sagt, wie er sie meint, und der sie auch so lebt, wie er



Barbara Hoffmannn