Jürgen Stahl schrieb am 08.12.2005 in der WAZ




60 Jahre und kein bisschen leise


Alter Mann, was nun? "Wenn ich heute auf einer Treppe stehe", erzählt Herman van Veen mit verschmitztem Schmunzeln, "frage ich mich: Wollte ich jetzt ´rauf oder ´runter?"

60 Jahre und kein bisschen leise: Zwar kokettiert der Clown und Liedermacher nicht nur bei dem Treppenwitz allzu gern mit seinem vermeintlich biblischen Alter. Seine Fans in Castrop-Rauxel durften sich am Donnerstagabend gleichwohl davon überzeugen, dass der halbglatzige Vollblutmusiker nach über 40 Bühnenjahren auf dem Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens angelangt ist.
Begleitet von einer famosen Band, präsentierte Herman van Veen am Donnerstagabend sein aktuelles Bühnenprogramm "Hut ab!" vor 900 begeisterten Besuchern in der Europahalle. Foto: privat

"Hut ab!", heißt das aktuelle Programm des holländischen Multitalents. Dass die Europahalle nicht ausverkauft war, mag daran liegen, dass Herman van Veen in den vergangenen Monaten das halbe Revier (Bochum, Recklinghausen, Essen) bereist hat. Doch es waren immerhin 900 Besucher, die ihr Kommen ganz sicher nicht bereut haben.
Von der ersten Minute an taucht man ein in die einzigartige Stimme des unermüdlichen Moralisten. Tränen vor Lachen: Herman van Veen überschreitet mit anzüglichen Zoten oder Kannibalenwitzen die Grenze zur Albernheit, zieht Grimassen, springt und wackelt wie ein Frosch über die Bühne. Ihm sei´s erlaubt. Tränen der Traurigkeit und Rührung: Seine ernsten, herrlich melancholischen Lieder und Texte künden von toten Soldaten ("Der Krieg im Irak hieß früher Vietnam"), sterbenden Kindern in Afrika, vom Glauben, von der Mutter - und immer wieder von der Liebe. Schade nur, dass er sein wohl schönstes Liebeslied "Ich hab´ ein zärtliches Gefühl" zur wenig gelungenen Heavy- Metal-Parodie herabstuft.

Der Gut-Mensch (nicht böse gemeint) überzeugt nicht nur als Sänger, sondern auch als Geigen-, Gitarren- und Klaviervirtuose. Ebenfalls erstklassig: seine fünfköpfige Begleitband, in der mit Erik van der Wurff sein jahrzehntelanger musikalischer Wegbegleiter am Piano sitzt.
Ein fröhlicher und gefühlvoller, ein sinnlicher und nachdenklicher Abend. Nach über zweieinhalb Stunden verneigt sich das Publikum in der Europahalle mit nicht enden wollendem Applaus vor dem vielleicht größten Musik-Poeten unserer Zeit.

Herman, auf der Treppe geht´s immer nur aufwärts. Auch mit 60.